30
Jan
2018

Anika Droop und
Felix Wasser
aus Deutschland

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Little Peter

An unserem fünften Tag hier fragte uns Naomi, die Sozialarbeiterin von Shangilia, ob wir mit ihr gemeinsam in ein anderes Kinderheim in der Nähe fahren wollen. Für uns stand sofort fest, dass wir dieses Angebot auf jeden Fall annehmen wollen. Wir besprachen uns kurz mit den Lehrern, ob es große Umstände machen würde, wenn wir unseren Unterricht nicht machen können. Die Antwort darauf war nur, dass das natürlich kein Problem sei und wir jede Chance nutzen sollen, mehr von Nairobi und Kenia zu sehen.

So haben wir auch das erste mal wirklich Bekanntschaft mit der „Kenyan-Time“ gemacht. Los ging es nämlich erst fünf Stunden nach der zunächst vereinbarten Zeit. Auch die Fahrt war für uns schon ein Erlebnis, die Reichenvierteln mit ihren riesigen Villen und noch größeren Mauern darum, die Blechhütten direkt nebendran und der für unsere Augen so chaotische Verkehr, der doch irgendwie zu funktionieren scheint. Nach einer dadruch sehr kurzweiligen Fahrt kamen wir an unserem Ziel an, einem Kinderheim für Kinder zwischen null und sechs Jahren.

Felix und Peter

Naomi erzählte uns, dass einige Kinder aus Shangilia aus diesem Kinderheim kämen und auch einige von den Kindern die derzeit dort Leben noch nach Shangilia kommen sollen. Zuerst wurden wir ins Büro geführt und von der Leiterin des Heims begrüßt, wobei uns schon die ersten Kinder zwischen den Beinen herumwuselten. Danach bekamen wir eine kleine Führung. Auch wenn uns die Schlafsäle an die in Shangilia erinnerten und der Garten mit Spielplatz wirklich schön war, hatten wir zwischendurch doch ein beklemmendes Gefühl. Ein schlafendendes Baby wirkt noch einmal eine ganze Nummer hilfloser als die aufgeweckten und fröhlichen Kids, die wir aus Shangilia kennen. In besagtem Garten angekommen wurden wir dann von den wachen Kindern in Beschlag genommen. Das Bedürfniss nach Aufmerksamkeit schien grenzenlos und einigen der kleinen Knirpse fiel es schwer uns auch nur für eine Sekunde zu teilen. Einen eher zurückhaltenden kleinen Kerl stellte uns Naomi als Peter vor und erklärte uns, dass er der Bruder von Mavado (6 Jahre) und Junior (8 Jahre) sei. Die zwei kannten wir schon aus der Vorschule in Shangilia. Die beiden seien vor einigen Monaten aus diesem Kinderheim nach Shangilia gekommen. Damals sei Peter mit knapp zwei Jahren aber noch zu jung gewesen um mitzukommen. Womit wir nicht gerechnet hatten, der Termin war nicht nur ein Kennenlernen oder eine Besprechung über das weitere Vorgehen. Peter sollte jetzt, wo er fast drei war, mit uns nach Sangilia kommen. Der Abschied gestaltete sich als ziemlich tränenreich. Die Kinder dort weinten, weil wir gingen und Peter, weil es für ihn verständlicherweise unheimlich war mit jemandem mitzufahren, den er gerade erst kennengelernt hatte. Nach ein paar Minuten beruhigte er sich auf Naomis Schoß und aß den Rest der Fahrt stillschweigend seine Kekse.

Hier angekommen verbreitete sich die Nachricht über den Zuwachs der Shangilia-Familie rasendschnell. Kaum aus dem Auto ausgestiegen wurde Naomi mit Peter auf dem Arm von Kindern umringt. Als sich dann auch noch die Verwandschaftsverhältnisse herausstellten, wurden Mavado und Junior von allen gesucht und herbeigerufen. Von der Situation etwas überfordert und nach der für so kleine Kinder doch sehr langen Zeit erkannte nur Junior seinen Bruder wieder. Nach dem ganzen Trubel nahm sich Margret, eine der Hausmütter und selbst in Shangilia aufgewachsen, dem kleinen Peter an. Ein scheinbar prägender Moment für ihn, da er ihr in den nächsten Tagen nicht von der Seite wich. Wie ein kleines Entenbaby, dass das erste Lebewesen, das es nach dem Schlüpfen sieht, für seine Mutter hält und diesem dann auf Schritt und Tritt folgt. Sobald in jemand anderes auch nur anlächelte fing er an zu weinen und nur Margret konnte ihn trösten. Wenn Margret auf Toilette wollte, glich dies einem kleinen Weltuntergang. Nur nach und nach nahm er zögerlich weitere Personen in den Kreis seiner Auserwählten auf und auch wir durften anfangen kleine Späße mit ihm zu machen. Bei einem seiner Brüder an der Hand wurde das Gelände nach und nach erkundet.

Wir sind mittlerweile zwei seiner besten Freunde und sobald er uns sieht, stürmt er lachend auf uns zu.

Da es noch etwas Zeit braucht, bis er in die Vorschule gehen kann, verbringt er die Tage noch mit Margret rund um die Küche. Mittlerweile hat sich sein Bewegungsradius aber deutlich vergrößert und er tippelt schon alleine zu Naomi ins Büro oder zu uns auf den Skatepark. Wir sind mittlerweile zwei seiner besten Freunde und sobald er uns sieht, stürmt er lachend auf uns zu. Dann bequatscht er uns auf Kiswaheli und sieht es auch nicht so richtig ein, sich wieder von uns zu trennen, wenn wir Unterricht haben. Wie auch die anderen Kleinsten hier weiß er schon genau, wie er seinen Willen durchbekommt. Bei hysterischem Kreischen geben auch die vermeintlich Stärkeren nach und lassen einem das Spielzeug oder bringen einen dorthin, wo man hin will.

Im Moment übt Peter fleißig für seinen nächsten großen Schritt raus aus der Pampers und alleine auf Toilette gehen. Wir glauben fest daran, dass wir das in unserer Zeit hier noch mit ihm feiern können.


Für uns war der Besuch des anderen Kinderdorfes das erste prägende Ereignis hier und wir sind so glücklich Peter von Anfang an auf seinem Weg in Shangilia begleiten zu können undnbeobachten zu dürfen wie er sich entwickelt und seinen Platz in der großen Shangilia-Familie findet.

Peter (links) und sein großer Bruder Junior rechts
Peters älterer Bruder Mavado